Geplant war eine einwöchige Radtour mit Sack und Pack Richtung Norden. Da das Wetter nicht wirklich einladend war und wir noch nicht alle nötigen Dinge zusammen hatten, brachen wir also erst vorletzten Mittwoch auf. Start war vor der Haustür in Stockholm.
Kuestentanne hatte schon Wochen vorher einen Hänger angeschafft, der nun auch ordentlich bepackt war

Zufrieden machten wir uns auf den Weg. Toll! Super! Schön! Endlich ging ein kleiner Wunsch in Erfüllung: Urlaub auf dem Rad...

Die ersten Kilometer führten uns durch die betuchten Stockholmer Vororte. Mein Gott, waren das Häuser

Ich glaube soviel Kohle werden wir in unserem Leben wohl nicht mehr zusammen kratzen, um uns so was leisten zu können... Dann wurde es äußerst ungemütlich. Bei dem nächsten Streckenabschnitt handelte es sich um eine viel befahrene "Bundesstrasse" ohne Radweg und ohne Möglichkeit das ganze zu umgehen. Ich glaube ich hatte noch nie soviel Angst beim Radfahren!!! Nachdem wir fast noch Zeugen eines Crashs geworden sind, wurde es wieder ruhiger ("Landstrasse"). Ach ja, hier sollte ich mal klarstellen, dass ich die ganze Zeit den Hänger gezogen habe. War ja soweit auch ok, aber wer gedacht hat, dass Schweden flach ist, sollte mal vorbei schauen. (Am besten mit ca. 20kg Gepäck) Ich habe jedenfalls jedes Gramm gemerkt. Die Tour war auch eher zum Antesten gedacht, ob uns das überhaupt Spaß macht. Unsere Ausrüstung war demnach nicht wirklich optimal. Vor allem zu groß und zu schwer!

Nach 50km haben wir dann getauscht und Kuestentanne war der Lastesel. Neben Anhänger hatte er noch Radtaschen am Fahrrad. Ging bei meinem Rennrad ja nicht. Und siehe da ein mitleidiges Grüßen nach dem anderen! Nach dem Motto: "Der arme Mann, das ganze Gepäck muß er alleine ziehen, und die Frau fährt locker hinten dran!"
Nach 73km war dann Schluss für den Tag. Wir schlugen unser Zelt mitten im Wald auf. Spätestens als es dunkel wurde, merkte ich, wie sehr ich zum Stadtmenschen mutiert war.

Jedes kleinste Geräusch brachte meinen Puls wieder hoch. "Was war das? Ist das normal hier? Hast du das auch grad gehört?" Nee, mein ach so toller Beschützer träumte schon selig in seinen Kissen. Viel Schlaf habe ich in der Nacht jedenfalls nicht bekommen. Ständig machte ich mir Gedanken: "was wenn jetzt doch ein Elch über unser Zelt stolpert? Oder ich draußen einem Bären begegne?" Völliger Blödsinn, ich weiß, aber schon mal versucht bei 170 Puls einzuschlafen?
Als die Sonne aufging und wir ein richtig schönes Frühstück mitten im Wald genießen konnten, ging's mir auch wieder besser

Gestärkt machten wir uns auf die nächste Etappe. Vorher noch einen schwedischen Pilzsammler getroffen und geplauscht. Da erzählte der doch glatt was von "Ist ganz schön trocken dieses Jahr." und "Zu wenig Regen" Frage mich, ob der ein anderes Stockholm gemeint hat...

Da wo wir wohnen war es in den letzten Monaten verdammt feucht! Wie dem auch sei. Weiter ging's. Bei strahlendem Sonnenschein und ruhigen Strassen fuhren wir so dahin und genossen die Landschaft. An diesem Tag mussten wir feststellen, dass wir unsere Tour doch zu grob vermessen hatten. In der Realität war die Strecke doch um einiges länger. Da wir ja auch Urlaub hatten, und man ja nicht gleich übertreiben muss, haben wir unsere Tagesstrecke etwas verkürzt. Ziel sollte an diesem Abend ein Campingplatz an der Ostsee sein. Der Einweggrill war schon besorgt und innerlich saßen wir wohl beide schon am Strand: in der Linke ein Wein bzw. ein Bier, und in der rechten Hand ein schönes Stück Fleisch. Hach ja, es hätte alles so schön sein können.
Mittlerweile fuhren wir auf einer schmalen und, wie wir dachten, einsamen, fast unbefahrenen Strasse.

Dann kam ein Bus um die Kurve geschossen. Nach rechts ausweichen? Die Geschwindigkeit anpassen? Warum? Sollen die blöden Radtouris doch gucken, wo sie bleiben!
Aber da war leider nicht "wo wir hätten bleiben können". Rechts ging es nur noch abwärts in die Böschung. Ich fuhr vor Kuestentanne, und kam, dank Kombination aus Campa und Shimano

, schnell zum Stehen. Kuestentanne hatte da weniger Glück, und wählte, wohl nicht ganz freiwillig, den Weg über den Lenker in die Böschung.
Zum Glück stand er wieder auf (8 m von der Strasse weg)! Nach kurzem Check, ob noch alles dran war, kam die Begutachtung der Räder. Mein Rad war, bis auf ein paar Schrammen, ok, aber das Rad von Kuestentanne war im Ar...

Gabel verbogen und, was noch viel schlimmer war, Rahmen am Oberrohr gebrochen. Und der Busfahrer? Der zog es vor ca. 50m von uns entfernt neben seinem Bus zu bleiben und
genau gar nichts zu tun! Ehe wir noch richtig reagieren konnten, war er auch schon weitergefahren. Und wir saßen da, mitten im Nichts von Schweden. Jetzt "rächte" es sich, dass wir auf einer ach so ruhigen Strasse waren. Wir haben schon gar nicht mehr daran geglaubt, als nach 2Stunden der letzte Bus des Tages vorbei kam. Noch einen Tipp für diejenigen, die versuchen abends in der schwedischen Pampa ein Taxi zu rufen: Vergesst es! Da nimmt nicht mal einer ab! (Wir haben's bei 3 Taxiunternehmen versucht)
Nach Bitten und Betteln nahm uns der Busfahrer mit zur nächsten Stadt, und fuhr uns, froh nicht derjenige Busfahrer gewesen zu sein, direkt zum nächsten Campingplatz und zeigte uns gleich noch, wo wir uns nächsten Tag hinwenden könnten.
Nach einer guten Dusche und einer weiteren Nacht ohne wohltuendem Schlaf (diesmal waren's nicht die stolpernden Elche, die mir im Kopf rumschwirrten, diesmal war es mein Mann, der in meinen Träumen die waghalsigsten Stunts vollführte) führte unserer Weg ins Büro der Busgesellschaft. Da wollte man mir erstmal weismachen, dass man kein Englisch sprechen kann. Nee, klar! Also habe ich es mehr schlecht als recht auf schwenglisch versucht. Irgendwann konnten die auch Englisch sprechen. Man kann sich ja manchmal wundern, wie schnell einige Leute eine Fremdsprache lernen.

Ich hörte immer nur: "Wir können da jetzt gar nichts machen. Da müssen sie nach Stockholm zur Hauptstelle." Was hat der sich gedacht wo ich hinwollte?

Ich sollte doch die Bahn nehmen. Es gibt nur leider keine Bahn zwischen diesen beiden Städten! Na dann sollte ich doch den Bus nehmen. Da bin ich ja fast geplatzt! Die wussten genau, dass sie keine Fahrräder im Bus transportieren dürfen! Der gute Mann auf der anderen Seite des Tisches muss wohl gemerkt haben, dass ich mich keinen Schritt aus diesem Büro bewegen würde, wenn er nicht einen vernünftigen Vorschlag machen würde, wie wir wieder nach Hause kommen. An einer Weiterfahrt war ja dank des rasanten Fahrers und einem kaputten Rad nicht mehr zu denken...
Nach weiteren zwei Stunden stand dann endlich ein Bus für uns bereit, der uns direkt nach Stockholm bringen sollte.

Geht doch, dachten wir, und stiegen zufrieden in den Bus, der uns wieder an den Startpunkt unseres ersten Radurlaubs bringen sollten.
Da uns der Fahrer nur bis in die Stadt brachte und nicht nach Hause, stand uns noch ein längerer ungemütlicher Fußweg im Regen und mit kaputten Rad quer durch die Stadt bevor. Geschafft und enttäuscht erreichten wir dann unseren wirklichen Startpunkt vor der Haustür.
Resultat unserer Reise:
- ein kaputtes Rad
- zwei enttäuschte Radler
- eine völlig entnervte flotte Biene
- eine Tanne, die zum Fußgänger wurde
- ein Triathlet, der eine Woche vor dem Saisonhöhepunkt kein Rad mehr hat
- jede Menge Schreibkram und nerviges Gerangel um die Schuldfrage
aber auch:
- super schöne Eindrücke während der Fahrt
- ein herrliches Frühstück im Wald
- leicht gebräunte Radlerhaut
- und viele Dinge, die wir beim nächsten Mal besser machen wollen